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Trainer: An der Seitenlinie zu Hause

30.12.2016

Der organisierte Fußball in Deutschland sucht händeringend Jugendfußballtrainer. Simon Werner und Sven Trimborn sind welche, mit Haltung und Plan.

Es ist nicht leicht, Trainer oder Übungsleiter zu finden und zu halten.

91,9 Prozent der Trainer und Übungsleiter sind ehrenamtlich tätig.

Mehr als die Hälfe der Vereine legt Wert auf eine Qualifizierung ihres Sportpesonales. Fotos: DOSB/Frank Molter

Ohne Ehrenamtler wie sie wäre das deutsche Sportsystem längst kollabiert. Eine Nahaufnahme aus Hamburg:

Nach 20 Sekunden steht es 2:0 für den Gegner. Ein­mal haben sie gepennt gleich nach dem Anstoß, dann landet ein abgefälschter Ball im eigenen Netz. „Werdet mal wach!“, ruft Trainer Simon Wer­ner aufs Spielfeld. Könnte nicht schaden, auch wenn der Anstoß in der Mittagszeit lag. Wach wird an diesem sonnigen Samstag im Hamburger Nordwesten keiner seiner zehn Jungs aus der jungen F­Jugend des SV Grün­Weiss Eimsbüttel. Eher noch schläfriger. Am Ende steht es 3:11. Simon Werners Freund und zweiter Trainer der Sechs­ und Siebenjährigen, Sven Trimborn, hat vom Rand aus freundlich gelobt, was so gerade noch zu loben war, und ver­sucht, sich nicht über den lauten und dominanten Trainer der Heimmannschaft aufzuregen, der pausenlos aufs Feld gebrüllt und seine Spieler zusammengestaucht hat.

Gerenne und Gerangel

Hinterher versammeln die beiden ihre enttäuschten Kicker und versuchen, ihre Kritik angemessen zu verpacken. Ein ziemlich verdorbener Vormittag. Oder? Die Jungs ziehen nach der La­gebesprechung in der warmen Herbstsonne ihre grünen Trikots aus und spritzen sich aus ihren Trinkflaschen nass. Gerenne, Ge­lächter, Gerangel. Alles scheint vergessen in ihrer Welt. Aber die Trainer? „Ich bin nach so einem Spiel einfach sauer, enttäuscht“, sagt der 38 Jahre alte Werner, „ich überlege mir aber schnell auch, woran es gelegen haben könnte. Habe ich vielleicht zu viel gesabbelt in der Kabine?“ Man merkt ihm den Frust kaum an. Er bleibt höflich, distanziert, gratuliert dem Gegner. Aber in ihm arbeitet es. Das ist auch beim drei Jahre jüngeren Trimborn nicht anders: „Es sieht vielleicht nicht so aus, aber ich bin das ganze Wochenende total angefressen nach einem blöden Spiel, wenn der Gegner nur mit Kick­and­rush gewinnt.“ Und während die versammelten Fußball­-Familien nach dem Spiel auseinan­dergehen, die Oma besuchen oder ins Schwimmbad, ans Mit­tagessen denken oder den Abendfilm, sinnieren Simon Werner und Sven Trimborn, was sie nächste Woche Mittwoch und Freitag von 16 bis 17.30 Uhr besser machen können im nächsten Training. Damit ein 3:11 ihrer Jungs so schnell nicht wieder vorkommt.

Fußball ist mit großem Abstand der beliebteste Vereins­sport für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Seit 2006 hat der Deutsche Fußball­Bund (DFB) mehr als 600.000 Mitglieder hinzugewonnen; fast sieben Millionen Vereinsfußballer gibt es. Während andere Verbände wie der Deutsche Handballbund oder der Deutsche Hockey­Bund trotz großer Erfolge Mitglieder verlieren, spitzt sich beim Fußball eine bedrohliche Entwicklung zu – überall mangelt es an Jugendtrainern. Vor allem in den Metropolen, denn dort drängen auch junge Syrer, Afghanen oder Eritreer in die Klubs: Flüchtlinge, die aus den
Unterkünf­ten herauswollen. Längst pflegen Vereine in ganz Deutschland Wartelisten oder verhängen Aufnahmestopps. Darüber berich­tete jüngst sogar „Der Spiegel“. Man übertreibt also nicht, wenn man sagt, dass die weitere Entwicklung des Fußballs hierzu­lande auch von engagierten Ehrenamtlern wie Simon Werner und Sven Trimborn abhängt.

Pünktlich und höflich

Fast fünf Jahre haben die Freunde schon gemeinsam an der Seitenlinie und beim Training verbracht, als sie die G-­Jugend des Hamburger Vereins SC Victoria von 2010 an bis hoch zur al­ten E­-Jugend begleiteten und aus ihr eine Spitzenmannschaft formten. „Am Anfang mussten wir ihnen die Schuhe zumachen, am Ende waren sie im ‚Ey, Digger!‘­Alter“, sagt Simon Werner, wobei solche Formulierungen bei ihm nichts zu suchen haben. Pünktlichkeit, Höflichkeit, Disziplin: Das ist ihm wichtig. „Die Ausdrucksweise muss stimmen“, sagt er, „sie sollen sich unter­einander respektvoll verhalten.“ Sein Trainerkollege Trimborn ergänzt: „So wie wir nicht mit dem Kaffee auf dem Trainingsplatz stehen, sollen die Jungs nicht mit Cola zum Treffpunkt kommen, hinterher Eistee trinken oder zwischen zwei Turnierspielen eine Bratwurst essen.“ Weil Simon Werners älterer Sohn Anfang 2016 von Victoria zum FC St. Pauli wechselte und die Mannschaft zerstob, beendeten Werner und Trimborn ihre Tätigkeit dort. Nach ein paar Überlegungen ging dann im März 2016 alles von vorn los – bei GW Eimsbüttel, einem kleinen Klub im Hamburger Westen, bei dem Werner in der Jugend im Tor stand. Er hat drei Kinder, und seinen jüngeren Sohn nahm er in die neue Mannschaft mit. Seine Frau betreut die Mannschaft aus zwölf kleinen Kickern und vielen neugierigen Eltern im Hintergrund, ist aber nicht gerade begeistert von jedem zusätzlichen Fußball-Termin, und mit einem Lächeln sagt er: „Wir haben zu Hause oft Diskussionen.

Fußball ist seit sechs Jahren ein Riesenelement. Da ist nix mit Ausflügen an die Ostsee. Es ist ja jedes Wochenende mindestens ein Spiel. Da muss man sich schon mal zusammensetzen.“ Trimborn nickt bekräftigend; er hat auch Familie mit zwei Kindern. Er stand als erfolgreicher Amateurfußballer an der Schwelle zum Profitum, doch der Schritt zum FC St. Pauli missglückte. Wann immer möglich, leiten die beiden die Trainings zusammen, sind bei Spielen und Turnieren beide anwesend. Sie bekommen dafür: nichts. Nicht einmal eine Aufwandsentschädigung.

Dribbeln und tricksen

Beim Training fressen ihnen die Kinder aus der Hand. Die Inhalte sind ambitioniert und oft sehr elaboriert für kleine Köpfe, die schon in der Schule mit viel Neuem gefüllt worden sind. Die Schule endet für die meisten erst um 16 Uhr. Danach geht es anspruchsvoll weiter. Werner und Trimborn lassen sehr viel „Funino“ trainieren. Das ist eine Kleinfeldform mit dem Spiel Drei-gegen-drei auf vier Tore. Hinzu kommen koordinative Übungen und immer wieder das Eins-gegen-eins, Dribbeln, Tricksen, Zweikämpfe. „Unsere Kinder können gut Fußball spielen, aber sie trauen sich noch nicht so viel. Sie sind einfach sehr lieb. Aber Fußball ist nun einmal ein Kontaktsport“, sagt Trimborn. Fast immer, wenn die Gegner es mit dem Kontaktsport wörtlich nahmen, setzte es Niederlagen. Aber es gibt auch Beispiele, in denen das schönere Spiel das robustere besiegte. Das müssen Sternstunden für die beiden Trainer sein.

Beim Üben auf dem Kunstrasenplatz hinter den Hochhäusern wird gescherzt, gelacht und auch mal geweint. Dabei ist Werner der Strenge, Trimborn der Liebe. Alle lechzen nach Lob und Aufmerksamkeit. Die Jungen haben viel Respekt vor ihren Trainern. Das muss so sein. Denn den beiden ist es bei aller Leichtigkeit durchaus ernst. Trimborn sagt: „Wir wollen Leistungssport betreiben, der Spaß macht.“ Wer nur ein bisschen kicken will, ist bei ihnen falsch. Beide haben auch beruflich genug zu tun, Trimborn als Industriekaufmann im Beleuchtungsbereich bei Philips, Werner als Chef eines Malerbetriebs. Der Zeitplan ist eng getaktet, sodass ihnen ein bisschen Bewegungstherapie wie ein Raub ihrer kostbaren Freizeit vorkäme. Werner sagt: „Wir wollen keine Bundesligatrainer werden. Wir wollen die Kids fördern. Aber mit Anspruch und Niveau. Dabei gehören Fehler zur normalen Entwicklung des Kindes.“ Es hilft ihnen bei der Arbeit mit der Mannschaft, dass sie beide Väter sind.

Rollen und passen

Das Trainerteam hat beim vormaligen Verein erlebt, was mit zielorientiertem Training möglich ist. Sie wollen einen gepflegten Fußball, der – etwas hoch gegriffen – der Spielidee der Nationalmannschaft folgt. Das heißt: Der Ball wird von hinten heraus gepasst. Der Torwart rollt den Ball ab oder passt ihn. Er soll nicht nach vorn gebolzt werden. Zeitspiel ist verpönt. Tore mit der Picke sind unerwünscht. Doch mit dem planvollen Spiel ist das so eine Sache bei Siebenjährigen. Es fehlt an Passhärte und Passgenauigkeit, und die meisten Mehr als die Hälfte der Gegentore resultieren aus der Fehleranfälligkeit im Aufbau. Simon Werner sagt: „Wir sind früher belächelt worden wegen unserer Art, alles spielerisch zu lösen. Aber das zahlt sich später aus. Es ist doch eine Ausbildung zum Fußball, keine zum Ergebnissport.“ Dazu gehört für sie auch, dass jeder Spieler auf jeder Position spielt. Und wenn sich der kleinste und schmächtigste die Handschuhe greift, geht er eben ins Tor. „Bei uns nehmen alle am Spiel teil. Wenn dauerhaft nur 50 Prozent der Mannschaft beschäftigt sind, verlieren sie die Lust am Fußball“, sagt Werner. Am Spielfeldrand haben die beiden viel erlebt. Trainer, die mit Zigarette im Mundwinkel und Bierdose in der Hand coachen, Trainer, die permanent reinbrüllen, den Gegner verunglimpfen und auch die eigenen Jungs anschreien. „Im normalen Breitensport hofft man, auf normale Trainer zu treffen“, sagt Simon Werner, „aber die meisten Vereine haben einen Mangel an vernünftigen Persönlichkeiten. Für uns gilt, dass wir mit unseren Mannschaften nicht um jeden Preis gewinnen wollen.“ Auch anspruchsvolle Eltern, die sich über fehlende Einsatzminuten ihrer Sprösslinge beschweren, kennen sie. Deshalb wird über Trainingsbesuche und Spielzeiten Buch geführt.

Ans Herz gewachsen

Was hält die beiden Familienväter in ihrem Ehrenamt? Immer Fußball: samstagmorgens um 8.15 Uhr irgendwo im Speckgürtel Hamburgs, sonntags zur Mittagszeit in einer stickigen Schulturnhalle, den ganzen Winter über bei Wind und Wetter draußen im Training. „Ich bin mit dem Fußball aufgewachsen. Ich finde es toll, Kindern etwas beizubringen“, sagt Simon Werner. „Sie schauen zu dir auf, sie wachsen dir ans Herz.“ Sein Freund und Kollege Sven Trimborn sagt: „Weil es uns Spaß macht. Wir haben Fußballerblut im Körper. Wir leben dafür.“ Es klingt kein bisschen kitschig.

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(Quelle: Sportdeutschland 03/2016)

 

 


 
 

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